Ansprache von Prof. Günter Pfeifer in St. Augustinus am 14.09.2008

„Original und Nachbau“


Liebe Gemeinde,
auf der Ankündigung für den heutigen Gottesdienst ist eine Ansprache des Architekten, der für die Umgestaltung dieses Raumes verantwortlich ist, festgesetzt. Den Titel Original und Nachbau habe ich selbst gewählt, und Sie werden sich fragen, was dieser wohl mit der Neugestaltung hier zu tun hat.

Wahrscheinlich beschäftigt sich mit diesem Thema jeder, der kreativ und schöpferisch tätig ist, aber insbesondere eben Architekten, und dies aus mehreren Gründen.
Ich glaube, dass der Mensch grundsätzlich versucht, die Geheimnisse der Natur aufzuspüren und den Bauplan Gottes nachzubauen. Wir wissen, dass die Medizin gerade seit dem 19. Jahrhundert darum bemüht ist, dem Geheimnis des Lebens auf die Spur zu kommen. Wir wissen auch, dass sich die technischen Disziplinen vom Körperbau der Vögel, Fische und anderen Kreaturen inspirieren lassen. Wir wissen, dass der Aufbau der Knochen aus sehr filigranen Gitterwerken besteht, und daraus haben wir gelernt und abgeleitet, leichte Tragwerke zu konstruieren. Alle technischen Entwicklungen vom Automobil bis zum Flugzeug haben ihren Ursprung im Nachbau der Schöpfung.

Die erste und älteste aller Bautätigkeiten aber war wohl das Erschaffen von Behausungen. Kaum hatte der Mensch die Höhle verlassen, begann er, über das Schichten von Steinen und das Flechten von Stangen, Ästen, Zweigen und Blättern sich Orte zu schaffen, in denen er Schutz und Geborgenheit fand. Und so hat er, vereinfacht gesprochen, abgeschaut und nachgebildet, was ihm die Natur vorgemacht hat.

Alle Kulturen sind über das Kopieren und Nachmachen entstanden. Denken wir an unsere Kindheit, dann wissen wir, dass wir so das Sprechen gelernt haben. Spielend haben wir uns als Kinder die Welt erarbeitet. Wir lernten uns zu streiten und zu versöhnen, zu bestimmen und unterzuordnen. Alle diese Spiele hatten Regeln; egal wie einfach die Spiele auch waren, die Regeln mussten eingehalten werden. Sie spüren sicherlich, worauf ich hinaus will: denn in all dem Erlernen, Aufspüren, Erfinden, Entwickeln und Gestalten wird die Frage nach dem Original oder Nachbau erst einmal unwichtig. Denn eigentlich ist alles Nachbau, und trotzdem kann man sagen, dass gerade im kindlichen Spiel doch auch ganz viel eigene Kreativität steckt und sich die Frage des Nachspielens immer weniger stellt.

Beim Errichten von Behausungen wurden die Erfahrungen zum Kulturgut und das Herstellen der Behausung weit mehr, als nur ein Dach über dem Kopf zu haben. Das Wohnen ist- nach dem Freiburger Philosophen Heidegger - ein existentieller, wesentlicher Grundzug des Menschseins, den er mit folgender Feststellung zusammengefasst hat: „Die Art wie du bist und ich bin, die Weise nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen." Das Wort buan kommt aus dem Althochdeutschen und heißt eigentlich: Bleiben, Sich-Aufhalten, das auch Wohnen bedeutet. Wohnen heißt ursprünglich Bauen. Und das Wohnen geht, nach Heidegger, zurück auf das altsächsische wunon, das ebenso Bleiben und Aufhalten bedeutet.

Dieser kleine Exkurs ist deshalb wichtig, weil er zu der Interpretation führen könnte, dass der damalige Architekt mit dem hölzernen Innenraum eine Art Haus bauen wollte. Dass dieses Haus nicht wie ein gewöhnliches Haus auszusehen habe, dürfte sich von selbst verstehen. Man kann also davon ausgehen, dass er eben ein „Gotteshaus" bauen wollte. Nun ist jede Kirche an sich ein Gotteshaus. Sicher ist, dass dieses damalige Holzlamellendach ein netzartiges Flächengebilde war, das zu einer Spitztonnenform geformt war und das aus gleichen Holz -Teilen hergestellt worden war. Sehen wir uns in der Natur um, werden wir ähnliche Strukturen bei Tannenzapfen oder Disteln finden. Etwas ähnlich Beschützendes sehen wir, wenn wir die eigenen gefalteten Hände betrachten.

Leider ist dieses Gebilde durch den Krieg zerstört worden. Bei der Entwicklung des neuen Innenraumes habe ich überlegt, wie man dieses schöne Haus in eine Umwandlung bringen könnte, ohne dabei die grundsätzliche Idee aufzugeben. Beim Architektenwettbewerb stellte ich als Bild einen Schmetterlingsflügel zu einem Zitat von Mircea Eliade: „Die Offenbarung eines heiligen Raumes gibt dem Menschen einen festen Punkt und damit die Möglichkeit, sich in der chaotischen Welt zu orientieren."

Dahinter verbarg sich Idee, dass dieser Raum etwas Leichtes und Lichtes ausstrahlen müsse. Nicht die menschliche Behausung sollte Symbol für das Behütet-Sein werden, sondern viel weiter gefasst: das Firmament selbst. Die Himmelskugel, jene imaginäre Kugelschale mit unendlich großem Durchmesser, die die Erde umgibt und an deren Sphäre die Sterne gleichsam angeheftet sind.

Deshalb haben wir die Schale so durchscheinend wie möglich gemacht und suchten eine Konstruktion, die so zart wie ein Schmetterlingsflügel sein sollte. Umso überraschter war ich, als mich kurz vor der Einweihung ein Redakteur der Heilbronner Zeitung fragte, was ich mir „bei dem historisierend anmutenden Gewölbe" gedacht hätte. Nun, Gewölbe sind aus Stein konstruiert und die Prinzipien der Fügung kommen aus der statischen Geometrie. Wenn wir genau hinsehen, sind die gotischen Kreuzgewölbe räumliche Überschneidungen vierer gekrümmter Linien -es könnten nun wieder Äste, Stangen oder Zweige sein. So entstand eine Geometrie, die wir zuhauf aus der Pflanzenwelt kennen. Der eigentliche Unterschied zwischen einem Gewölbe und einem Netzwerk - so will ich dies hier nennen - ist deshalb nicht nur das Material. Das Gewölbe besteht aus Stein oder Mauerwerk, das Netzwerk aber aus Stahl oder Holz.

Der eigentliche Unterschied dieses stählernen Netzwerkes ist die Tatsache, dass es nur mit Knoten herzustellen ist. Hiermit wird allerdings eine entscheidende Wendung vollzogen, denn der Himmel kommt ja bekanntlich ohne Halterungen und Knoten aus. Der Knoten ist eine menschliche Erfindung. Knoten fügen etwas zusammen, halten und verbinden, stabilisieren und ergänzen. Knoten sind im übertragenen Sinne auch soziale Konstruktionen, die Verbindungen der Menschen untereinander. Diese sind freilich nicht wirklich sichtbar - sehen wir mal von Paaren mit Eheringen ab; sie sind aber nicht weniger stabil als die Knoten hier an diesem Netzwerk. Und das Wichtigste daran ist, dass jeder Knoten und jeder Stab hält, denn nur so ist das Netzwerk stabil. Interessant daran dürfte sein, dass alle Stäbe und Knoten gleich sind. Lediglich im Altarbereich haben wir aus geometrischen Gründen die unterste Reihe mit kürzeren Stäben versehen müssen, aber auch diese haben die gleichen Funktionen.

Wenn Sie sich dieses Netzwerk genau ansehen, werden Sie wahrnehmen, dass sich einige der Stäbe leicht gekrümmt haben, einige sehen aber eher etwas lässig aus. Zunächst dachten wir, dass dies ein statischer Mangel sei. Nach nochmaliger Prüfung teilte uns dann der Konstrukteur mit, dass sich innerhalb des Gesamtgefüges durchaus verschiedene Lastabtragungen ergeben können. Das heißt, dass der eine oder andere Stab mehr aushalten muss als andere, dass aber dadurch das Gesamtgefüge keineswegs instabil würde.

Ich finde, dass dies eine wunderbare Definition einer Gemeinschaft ist. Jeder Knoten zählt, kein Stab darf fehlen, wenngleich der eine oder andere mehr auszuhalten hat. Alle sind gleich, die Verbindungen sowieso und die Stäbe auch. Nun könnten uns wir noch überlegen, welcher Art die Knoten im sozialen Gefüge sein könnten - dies aber wäre ein fast abendfüllendes Thema.

Ich möchte aber einen anderen Gedanken noch zu Ende bringen, denn mit dem Symbol des Firmamentes haben wir nun das Netzwerk als Tragkonstruktion und gleichzeitig als ein soziales Gefüge in einen Zusammenhang gebracht, und hier wird der kritische Hörer sagen: Da stimmt doch was nicht. Zumal dieses Himmelszelt auch noch Reflexionen und Spiegelbilder des eigenen Netzwerkes und der farbigen Fenster wiedergibt.

Der entscheidende Unterschied zwischen der Wahrheit und unserer Illusion liegt allerdings in unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit. Ihnen wird sicher aufgefallen sein, dass sich jedes Bild, das Sie hier oben sehen, dann verändert, wenn Sie ihren Blickpunkt verändern.
Jetzt schließt sich - so hoffe ich - der Kreis. Denn der Himmel als Firmament ist unendlich und das kindliche Bild davon ist in Wirklichkeit unsere eigene innere Sphäre mit unserem Glauben und unseren Träumen, Wünschen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Hier spiegeln sich unsere eigenen Möglichkeiten und unsere eigene Wahrnehmung. Aber all dies wäre nicht möglich, wenn diese Schale dunkel wäre. Durchdrungen von der Kraft des Lichtes, wird erst damit die Schöpfung lesbar und spürbar. Licht erst ermöglicht unmittelbares Wahrnehmen. Licht ist das Medium des Erkennens. Das Zentrum ist das Licht, im Licht ist die Zeit lesbar. Dieser Raum enthält mehrere Wirklichkeiten. Er ist Nachbau und Original gleichermaßen. Nachbau, weil all diese Erkenntnisse auf der Entwicklung von bereits Dagewesenem beruhen, und Original, weil dies alles nur im Zusammenhang mit dem Licht und der sich daraus ergebenden Energie, eben den Elementen des Göttlichen, hat entstehen können.

Professor Günter Pfeifer
Technische Universität Darmstadt
Fachbereich Architektur
Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau

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